STILLER, SPORTFREUNDE!

 

Kapitel 5 aus RAKETEN WERDEN FLIEGEN

 

Das Studentenwohnheim bestand aus einer Reihe vierstöckiger Gebäude, die alle vollkommen gleich aussahen. Eventuell hatten mir amerikanische Collegefilme einen falschen Eindruck von einem Studentenwohnheim vermittelt: Ich hatte mir mächtige viktorianische Verbindungshäuser mit marmornen Torbögen vorgestellt, vor denen glückliche Studenten im saftig-grünen Gras unter blühenden Kirschbäumen ausdiskutierten, wer die Drogen für die nächste Verbindungsparty organisieren würde.

 

Diese sterilen weißen Wohncontainer hingegen erinnerten mich eher an eine Weltraumkolonie oder ein hastig hochgezogenes Flüchtlingsheim. Eine studentische Infrastruktur in Form von Kneipen oder sonstiger Gastronomie schien in der verkehrsberuhigten Einbahnstraße nicht zu existieren. Zum Glück hatte ich an der Kreuzung bereits eine Shell-Tankstelle gesichtet, sodass hier zumindest die Bierversorgung sichergestellt war. Kiel-Brunswik war eben nicht Berlin-Kreuzberg und schon gar nicht Berkeley, Kalifornien.

 

Den Schlüssel sollte ich im Hausmeisterbüro abholen.

 

»Du willst doch einen guten Eindruck machen, kämm dich noch mal«, befahl meine Mutter.

 

»Mensch, Mama, ich gehe zum Hausmeister und nicht zum Universitätspräsidenten!«

 

»Ich mein ja nur. Dass du immer noch mit dieser schrecklichen Matte rumlaufen musst …« Ich trug meine Haare seit frühester Jugend halblang, mit einem schmissigen Seitenscheitel. Was bitte war daran schrecklich? Als Musiker würde mich ein akkurater Kurzhaarschnitt doch komplett unglaubwürdig erscheinen lassen, aber von diesen Dingen verstand meine Mutter ja nichts.

 

Hausmeister Katschinsky hatte sein Büro im Keller von einem der Wohnblöcke. Mir öffnete ein ungefähr hundertjähriger Gnom im schmutzigen Blaumann.

 

»Guten Tag, Nico Jensen«, grüßte ich artig. »Ich wollte den Schlüssel für mein Wohnheimzimmer abholen …«

 

»Katschinsky«, keuchte das Männlein, das ich vermutlich gerade beim Sterben gestört hatte. »Na, dann kommen Sie mal rein, junger Mann.«

 

Sein Büro war eher eine Werkstatt, oder besser gesagt: Eine Gruft. Das fensterlose Kellerverlies war feucht und muffig, ein scharfer Geruch von Schimmel und rostigem Metall stand in der kaum vorhandenen Luft. Unfassbar, dass menschliches Leben hier existieren konnte. Überall hingen Schlüsselbretter und Tafeln mit Belegungsplänen. Hausmeister Katschinsky durchwühlte einen Papierhaufen auf seinem Schreibtisch und zog zwischen Bild-Zeitung und Kreuzworträtselheften eine handgeschriebene Liste hervor.

 

»Wie war das? Jens Nielsen?«

 

»Jensen, Nico Jensen!«

 

»Ach ja. Herrje, diese dänischen Allerweltsnamen … Hier gibt’s bestimmt 500 Leute, die so heißen. Und damit mein ich nicht in Kiel, sondern hier in der Straße.«

 

Allerweltsname? Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Wahrscheinlich würde ich mir früher oder später einen Künstlernamen zulegen müssen. Falco wäre wohl schwerlich Nummer eins in Amerika geworden, wenn es geheißen hätte: »Ladies and Gentlemen, Mister Hans Hölzel …«

 

»So, da haben wir’s«, krächzte der Hausmeistergnom. »Hausnummer 8, Wohneinheit G. Ganz oben, im vierten Stock. Kein Fahrstuhl! Das ist eine Fünfer-Wohngemeinschaft. Zwei Duschbäder, Küche, Gemeinschaftsbereich. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Und das heißt: Alles nur noch Zimmerlautstärke oder eher darunter, keine Musik, keine Trinkgelage, keine wilden Orgien.«

 

»Habe ich auch nicht vor«, log ich.

 

»Was studiernse denn überhaupt?«

 

»Ich?«, fragte ich blödestmöglich, als ob sich in den Ecken des Kellergewölbes noch irgendwelche anderen Studenten verstecken würden. »Äh, Germanistik.«

»Ach Gott«, seufzte Herr Katschinsky, »noch so einer …«

 

Ich quittierte den Erhalt des Schlüssels und verzog mich zügig, bevor mich Ratten oder Fledermäuse vertilgen würden. Wie meinte dieser schrullige Schlüsselmeister das eigentlich: »Noch so einer«? Egal, wahrscheinlich war ihm in seinem Kellerloch im Laufe der Jahrzehnte einfach sein Hirn weggeschimmelt.

 

Zurück am Licht der Oberwelt war bereits mein Umzugshelfer Klaas eingetroffen. Er unterhielt sich angeregt mit meiner Mutter, beide eine Zigarette in der Hand. Moment mal, hatte sie nicht gerade mal wieder aufgehört? Gegen Klaas’ Charme war wohl einfach kein Kraut gewachsen. Seit sie ihn auf dem Abiball kennengelernt hatte, liebte meine Mutter Klaas heiß und innig.

 

»Da ist ja unser Spitzen-Germanist«, feixte Klaas mir entgegen. Mit der smarten Werber-Brille, dem marineblauen Jackett und dem tadellos gebügelten rosa Hemd sah er aus, als käme er geradewegs von einem Workshop der Jungliberalen.

 

»Hast du jetzt einen Nebenjob als Vertreter für die Tabakindustrie?«, schnauzte ich ihn an.

 

»Ach Nico, nur eine! Dein Freund Klaas und ich unterhalten uns gerade so nett.« Meine Mutter strahlte. In die ewig zweifelnde, meckernde alte Frau war plötzlich das blühende Leben eingeschossen. Wahrscheinlich hätte sie Klaas am liebsten adoptiert oder noch besser geheiratet. »Ich verstehe ja gar nicht, warum ihr nicht zusammen in eine WG zieht. Der Klaas würde bestimmt einen mäßigenden Einfluss auf dich haben!«

 

»Aber sicher, Frau Jensen! Leider wohne ich ja bereits mit meiner Freundin zusammen.«

 

»Was studieren Sie noch gleich, Klaas?«

 

»Deutsch und Geschichte – auf Lehramt!«

 

»Auf Lehramt!«, jauchzte meine Mutter, als hätte Klaas ihr soeben verkündet, dass er humanitäre Projekte in Mittelamerika leiten würde. »Das ist doch wunderbar, Klaas. Da können Sie ja nach dem Studium mit einem festen Job rechnen.«

 

»Und mit einem attraktiven Gehalt noch dazu!«

 

»Tja, Nico wird es da ja nicht so leicht haben. Man hört ja immer, wie schlecht die Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler auf dem freien Markt sind … Vielleicht können Sie da ja noch ein bisschen auf ihn einwirken, Klaas?«

 

»Unterrichten liegt halt nicht jedem«, blaffte ich.

 

»Ich sehe Nico auch nicht unbedingt vor einer Klasse. Da muss man gut organisiert und strukturiert sein. Und Nico ist halt von seiner Arbeitsweise, na ja … eher kreativ und spontan.«

 

»Er ist eben einfach faul!«, stieß meine Mutter hervor. »Nico braucht eigentlich jemandem, der ihm in den Hintern tritt …«

 

»Nun, Frau Jensen, der Sache werde ich mich sehr gern annehmen!«

 

»Vielleicht nimmst du dich jetzt endlich mal dieser Umzugskartons an, sonst stehen wir hier morgen noch«, knurrte ich. »Die haben mich natürlich im vierten Stock einquartiert, und es gibt keinen Fahrstuhl.«

 

»Fang du doch schon mal an, Nico. Deine Mutter und ich rauchen jetzt erst mal noch eine«, erwiderte Klaas und zauberte zwei weitere Kippen hervor.

 

»Oh, das ist ja so liebenswürdig von Ihnen, mein lieber Klaas! Haben Sie noch mal Feuer?«

 

Himmel, das war ja schlimmer als in Die Reifeprüfung. Ich ließ unseren Muster-Collegeboy und seine Mrs. Robinson da stehen und nahm die Inspektion von Wohneinheit 8-G in Angriff.

 

In der WG wurde ich mit lautstarker Musik empfangen, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte es sich nicht um die leidenschaftlich von mir verabscheuten Sportfreunde Stiller gehandelt. Die braven Indie-Bayern wurden von der Fachpresse als Retter der deutschen Popmusik gefeiert, eine Aufgabe, die ich doch eigentlich für mich vorgesehen hatte.

 

»Hey, bist du unser Neuer?«, schrie eine Männerstimme gegen das Geschrammel der Sportfreunde an. In einer winzigen Kochnische seitlich des Wohnzimmers stand ein etwa dreißigjähriger Mann mit einem spärlich behaarten, nahezu kugelförmigen Kopf. Sein dicklicher Körperbau hielt ihn nicht davon ab, sich in ein Muskelshirt und eine Lederhose mit Nietengürtel zu kleiden. »Hi, ich bin Leo.«

 

»Nico, hi.«

 

Er wollte mir die Hand entgegenstrecken, zog sie aber wieder zurück, da er nasse Gummihandschuhe trug. Anscheinend hatte ich meinen neuen Mitbewohner beim Abwasch gestört. »Willkommen bei uns! Ja, sorry wegen der Lautstärke, aber wenn ich am Wochenende Putzdienst hab, hör ich gern ein bisschen Musik nebenbei … Kennst du die Sportfreunde Stiller?«

 

»Ja«, antwortete ich. Das »leider« konnte ich mir gerade noch verkneifen.

»Echt super, die Platte. Hab die jetzt schon zweimal hintereinander gehört«, sagte Leo. »Ich mag eigentlich Gothic und Wave, aber die Texte sind einfach hammergeil. Richtig tiefgründig!«

 

»Ich studier Germanistik«, entgegnete ich, als würde ich klarstellen wollen, wer hier die Deutungshoheit bezüglich der poetischen Qualität deutschsprachiger Songtexte hatte. »Und Musik mach ich auch nebenbei, ich spiel Gitarre.«

 

»Cool! Dann kannst du ja mal ein Wohnzimmerkonzert geben. Abends sitzen wir hier öfters zusammen und trinken oder spielen was.«

 

Das mit dem Trinken gefiel mir, aber spielen? Das klang nach öden Brettspielabenden mit Tabu oder Sagaland, und ich war schließlich hier, um es krachen zu lassen. Ich sah mich in meiner neuen Heimstatt um: Sie war maisonetteartig angelegt und erstreckte sich über zwei Stockwerke, drei Zimmer unten, zwei oben. Die Wände waren weiß und vollkommen kahl, der Boden aus grünem Linoleum, ein Esstisch und eine braune PVC-Sitzgruppe bildeten die spartanische Einrichtung. Es roch nach Putzmitteln und Langeweile. Ein bisschen kam ich mir vor wie im Krankenhaus oder in der Psychiatrie.

 

»Tja, Nico, so wie es aussieht, sind wir Zimmernachbarn … ich hab aber kein Problem damit, wenn es bei dir mal ’n bisschen lauter wird. Ich meine, wenn ich an meine ersten Jahre hier denke, alter Schwede, haha. Ich studier jetzt im zwanzigsten Semester«, verkündete Leo stolz, als wolle er mit einer besonderen Leistung prahlen. »Hab schon ein Diplom in Bio und dann gleich noch mal Jura rangehängt, da bin ich jetzt auch scheinfrei. Wenn’s klappt, will ich Anwalt für Umweltrecht werden!«

 

»Ah, cool«, antwortete ich, obwohl ich das kein bisschen cool fand. Meine Güte, auf was für hirnverbrannte Ideen die Leute so kamen.

 

»Tja, und heute bin ich mit Putzen dran«, erklärte mein Zimmernachbar und hob wie zum Beweis seine gummibehandschuhten Hände. »Geht immer reihum, jedes Wochenende. Rieke, unsere Belgierin, ist da immer ein bisschen streng …«

 

Putzplan, strenge Belgierinnen? Das klang so gar nicht nach Sex und Drugs und Rock ’n’ Roll, die ich mir von meinem WG-Leben erhoffte. Leo schälte sich aus seinen Gummihandschuhen. »Würde ich dir auch raten, wenn du empfindliche Haut hast. Außerdem fühlen sich die Dinger irgendwie … na ja, geil an!« Er setzte ein seltsames Grinsen auf, irgendwo zwischen notgeil und vollkommen irre. Um Himmels willen, war das hier ein Studentenwohnheim oder eine Heilanstalt?

 

»Komm, ich zeig dir mal dein Zimmer.«

 

Schon folgte die nächste Enttäuschung: Ein schmaler, abstellkammerartiger Raum von höchstens zehn Quadratmetern gähnte mich an.

 

»Tja, du hat leider eins von den kleinen Zimmern erwischt«, erklärte mein Mitbewohner. »Wer zuletzt kommt und so … Aber mit ein bisschen Geschick und Liebe fürs Detail lässt sich da einiges draus machen. Klar, der Linoleumboden ist hässlich, aber ich hab da zum Beispiel einfach ’nen dicken Perser drübergelegt …«

 

Zu dumm, dachte ich, mein Perserteppich liegt leider noch in der Auslage einer Teppichhandlung. Ich durchquerte das Zimmer mit viereinhalb Schritten und öffnete eine Fenstertür, hinter der sich statt eines Balkons lediglich ein Metallgitter befand. Immerhin minimierte es die Gefahr, dass ich im Suff eine unverhoffte Abkürzung ins Erdgeschoss nehmen würde.

 

»Das ist ein französischer Balkon«, belehrte mich Leo. »Besser als gar nichts, oder?«

 

Ich blickte von meinem Besser-als-gar-nichts-Balkon auf die Straße hinunter, wo Klaas immer noch mit meiner Mutter um die Wette quarzte und ihr wahrscheinlich gerade versicherte, ein wachsames Auge auf ihren renitenten Sprössling zu haben. Leider wohnte der Musterstudent gleich um die Ecke, ich würde also aufpassen müssen, wenn ich besoffen durch die Gassen des Univiertels eierte.

 

Egal, ich hatte ohnehin nicht vor, in dieser Gegend Wurzeln zu schlagen. Spätestens im nächsten Semester würde ich eine obercoole Party-WG mit meinen Bandkollegen gründen, vielleicht sogar schon in Hamburg oder Berlin. Und ein paar Jahre später hätte ich dann ein stattliches Strandhaus in Portugal, wo ich lächelnd an den Klippen der Algarveküste entlangspazieren und daran denken würde, unter was für erbärmlichen Bedingungen ich damals gestartet war.

 

Spätestens dann würde auch eine Gedenkplakette am Eingang des Wohnheims an den berühmten Ex-Bewohner erinnern. Dieser bescheuerte Hausmeister würde die Plakette jeden Morgen polieren müssen, und er würde bitter bereuen, dass er mich vorschnell als noch so einen mit dänischem Allerweltsnamen abgetan hatte. Er würde polieren und bereuen und in seiner Gruft dahinschimmeln bis an sein Lebensende, und ich würde auf meiner Sonnenterrasse meine goldenen Schallplatten polieren und über ihn lachen.

 

(c) 2020 Ringo Trutschke

 

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